Paris-Brest-Paris startete am 16. August 2015 zum 18. Mal. Mehr als 6.000 Teilnehmer waren beim berühmtesten Fahrradmarathon der Welt auf der 1.200 km langen Strecke aktiv. Am Start auch Bernd Rücker vom Team Icehouse. Hier sein Bericht.

Bernd Rücker bei Paris-Brest-Paris 2015 in Frankreich.

Der Brevet Paris-Brest-Paris (PBP) ist ein 1.227 km langer Fahrradmarathon (Brevet). Start und Ziel ist das Velodrom in Saint-Quentin-en-Yvelines in der Nähe von Versailles, der Wendepunkt ist die am Atlantik gelegene nordwestfranzösische Stadt Brest in der Bretagne.

Entstanden ist PBP aus dem gleichnamigen Radrennen für Profis und Amateure, das erstmals am 6. September 1891, also schon vor der Tour de France, und zuletzt 1956 stattfand. Der Brevet (franz. Prüfung) findet alle vier Jahre statt.

Eine Besonderheit der Strecke ist, dass sie sehr hügelig ist. Es sind rund 11.000 Höhenmeter zu bewältigen. Da es zwischen Paris und Brest keine Berge gibt, verteilen sich die Höhenmeter auf mehr als 360 Anstiege. Die steilsten Abschnitte sind sehr kurze Steigungen bei Rambouillet, die längsten - aber flacheren - Anstiege befinden sich auf dem Weg zum Roc'h Trévezel, dem mit 384 Metern über Meereshöhe höchsten Punkt der Strecke (und der Bretagne).

Das Ziel der meisten Teilnehmer ist daher, die Strecke innerhalb der vorgegebenen Zeit (wahlweise 90, 84 oder 80 Stunden) zu schaffen. Von den wenigen ehrgeizigen Radfahrern bewältigen die Schnellsten die Strecke in etwa 45 Stunden. Der Kampf gegen die Müdigkeit und den Schlaf ist aber dabei oft schwieriger als die Anstrengung des Radfahrens.

Am Samstag und am Sonntag trafen sich alle deutschen Teilnehmer zur Registrierung und zur technischen Radabnahme, jedes Fahrrad muss mit Licht ausgestattet sein und der Fahrer hat eine Warnweste mit sich zu führen. Meine Strategie für Paris-Brest-Paris war die Variante mit Start am Montag früh um 5.30 Uhr, was mir einerseits eine Nachtfahrt ersparte, anderseits mein Zeitlimit für die Gesamtstrecke auf 84h verkürzte. Die Startgruppen A bis W starteten bereits am Sonntag, somit war eine sehr angenehme Ruhe am Morgen zu verspüren, da nur noch die Gruppen X, Y und Z am Start waren.

Der Hinweg

Pünktlich um 05:30 Uhr fällt der Startschuss, die ersten Kilometer aus Paris hinaus in die weite schöne Landschaft. Bereits nach 10 Minuten zeigt sich, wie schnell auch alles wieder vorbei sein kann. Ein Radfahrer vor mir verliert seine am Sattel befestigte Tasche. Die Tasche schlägt direkt vor meinem Vorderrad auf, ich weiche aus, fahre weiter - Glück gehabt, gut reagiert! Das hätte bereits das Aus sein können.

Nun ging es in Richtung der ersten Kontrollstelle bei km 220 in Villaines-la-Juhel. Es ist wunderschön hier, es ist ruhig, nur wenig Verkehr auf der ausgewählten Route. Die meisten Menschen sind zu dieser Zeit im Urlaub. Gegen 15 Uhr erreiche ich den Checkpoint Villaines-la-Juhel. Hier werden die Flaschen aufgefüllt, Essen ist Pflicht, kurze Pause und weiter. Nächste Kontrollstelle in Fouleres bei km 310. Dort angekommen um 19:36 Uhr wird die Kontrollkarte gestempelt, die üblichen Rituale folgen (Wasser auffüllen etc). In Tinteniac komme ich bei km 364 um 22:36 Uhr an. Es steht die erste Nachtfahrt bevor, ich bin fit, muss sicher nicht schlafen, fahre bis zum Checkpoint Loudeac, an dem ich um 3:36 eintreffe. Der zweite Tag beginnt mit Temperaturen um die 5 Grad - es ist kalt in der Bretagne, die Nacht kommt einem unendlich lange vor, als will sie kein Ende nehmen. Bei km 525 komme ich um 10:12 Uhr beim Kontrollpunkt in Carhaix an. Es ist nun endlich hell und allmählich wärmt sich mein Körper wieder auf. Nicht mehr weit bis Brest, denke ich mir. Nur noch 95 km. In einer sportlichen Rennrad-Gruppe, allesamt aus Frankreich kommende Radfahrer, fahre ich im sportlichen Tempo in Richtung Brest. Hier überqueren wir die höchste Stelle auf dieser Route. Um 14:42 kommen wir in Brest an. Das erste Mal in meinem Leben bin ich an der Atlantikküste – und trotzdem geht es gleich wieder weiter, der Rückweg beginnt. Vorher gönne ich aber meinen Füßen auch eine luftige Pause ;-)

Der Rückweg

Um 20:16 Uhr komme ich bei der Kontrollstelle in Carhaix an, es sind nun 703 km auf dem Tacho. Die zweite Nacht für mich beginnt. Für die Fahrer, die Sonntag gestartet sind, welche ich nach und nach überfahre, kommt bereits die dritte Nacht, was den meisten Fahrern anzusehen ist. Die ersten Fahrer fallen tatsächlich vor Schlaf und Erschöpfung von ihrem Rad. Die meisten schaffen es noch bis zum Grünstreifen. Ich denke mir, nun muss ich mich konzentrieren, aufpassen, kein Risiko eingehen. Fahrer die einem müde erscheinen und sich in Schlangenlinien fortbewegen, überfahre ich, aus Vorsicht mir gegenüber. Auch bei mir macht sich allmählich Müdigkeit breit. Ich frage den Rennradfahrer aus Japan neben mir, wie viele Lichter gerade vor mir sind. Er meinte, es sind ca. 10 Radfahrer vor mir in der Gruppe – ich sehe 100 Rücklichter. Nun beschliesse ich an der nächsten Kontrollstelle zu schlafen. Ich schleppe mich 40 km bis Loudeac, dort angekommen um 1:08, falle ich beim Absteigen fast um, keine Kraft mehr, die Müdigkeit nimmt mir die letzte Kraft. Ich schlafe 2 Stunden im Bettenlager, die einzige Schlafpause, die ich mir gönne. Um 3 Uhr stehe ich vom Feldbett auf, kurz das Gesicht waschen, Zähne putzen und wieder auf das Rad zurück. Gegen frühen Morgen komme ich in der Kontrollstelle Tinteniac an. Die Nacht ist wieder kalt und es ist noch immer dunkel. Ich fahre jetzt mit einer sportlichen Rennrad-Gruppe aus der Ukraine. Es macht Spaß, wirklich, immer noch. Auf dem Weg in Richtung Fouleres müssen wir anhalten, ein russischer Radfahrer ist schwer gestürzt, vermutlich eingeschlafen, Sanitäter sind schnell vor Ort. Es sah nicht gut aus. Der Fahrer liegt mit Kieferbruch und dem Anschein nach schweren Rückenverletzungen auf der Straße, Blut fliesst, kein guter Moment für einen Radfahrer in dieser Situation. Trotzdem, ich muss weiter fahren, den Kopf klar behalten, mich konzentrieren. Um 12:10 komme ich in Fougeres an, nun sind 921 km gefahren. Ich weiß, ich liege gut in der Zeit, ich könne es eventuell unter 70 Stunden schaffen, wenn unvorhersehbare Probleme ausbleiben. Das motiviert mich, ich will auch nicht durch eine komplette 3. Nacht fahren. Meine im Vorfeld aufgebauten Reserven zeigen jetzt Wirkung. Ich fühle mich top fit, bin weder müde, noch schwach, habe genug Kraft die viele Steigungen mühelos zu überfahren, ich bin weiterhin guter Dinge. Jetzt fahre ich allmählich den langsameren Fahrern der Sonntagsstarter bis zur Gruppe H auf – wohl gemerkt, ich bin in der Gruppe Z am Montag morgen gestartet. Auch das motiviert mich. Um 16:34 Uhr bin ich beim Checkpoint in Villaines, nun sind über 1.009 km gefahren, ab jetzt rechne ich rückwärts, ergo habe ich noch ca. 220 km zu fahren – eigentlich "nur" eine längere Trainingseinheit. Die Berge wollen kein Ende nehmen, immer wieder geht es nur rauf und runter, rauf und runter, rauf und runter. Ich denke an die Ausschreibung in der folgendes stand: "PARIS-BREST-PARIS Randonneur ist sehr hügelig. Nutzen Sie die Berggänge Ihres Fahrrads"!. Ich muss schmunzeln. In Mortagne bei km 1090 bin ich um 20:24 Uhr. Ich weiß nun, das wird die letzte Nacht, ich sollte gegen frühen Morgen in Paris sein. Die Etappe von Mortagne bis Dreux erscheint mir wie ein Zeitrennen. Ich fahre mit zwei Spaniern, welche wie ich, noch gutes Tempo halten können. Irgendwann verliere ich die Spanier hinter mir, ich fahre weiter, alleine, nur das Ziel vor Augen. Gegen Mitternacht bin ich in Dreux angekommen, bei km 1165. Hier lasse ich nur meine Kontrollkarte stempeln, fülle meine Wasserflaschen und starte sofort wieder. Die letzten 55 km liegen vor mir. Keine Müdigkeit, meine Beine noch stark. Ich fahre wieder der Teufel, ich will jetzt unter 70 Stunden in Paris ankommen. Um 3:00 fahre ich im Velodrom ein, alleine, so wie ich auch gestartet bin, komischerweise war mir das wichtig. Unglaublich, ich bin tatsächlich im Ziel – was für ein wahnsinniger Ritt durch den Norden Frankreichs! Ich lasse meine Kontrollkarte zum letzten Mal von den Kommissaren abstempeln und bin einfach nur glücklich, ohne eine einzige Panne und vor allem noch gesund wieder im Ziel zu sein. Und eines weiß ich jetzt schon – ich starte wieder in 4 Jahren, dann jedoch in der 80 Stunden Gruppe - wenn auch Paris Brest Paris das härteste ist, was ich mir je angetan habe :-)

Statistik

  • 1.245 km (einmal verfahren)
  • über 11.500 Höhenmeter
  • Bruttofahrzeit 69:45 Std Reine Fahrzeit, ohne Pausen, Esszeiten und Kontrollstellen 52 Std
  • Durchschnitt 24 km/h
  • ca. 20.000 verbrannte Kalorien
  • 25 Energy-Riegel
  • 10 Koffein-Ampullen
  • unzählige Baguettes und viele, viele Liter Flüssigkeit