Die Saison verlängern und dem schlechten Wetter entfliehen, das wollten die Icemänner Michael Höhn und Bernd Weiss. Sie machten sich auf den Weg nach Italien, um dort die Trails rund um Finale Ligure zu begutachten und unter die Stollenreifen zu nehmen. Lest hier das famose, fantastische Freeride-Tagebuch und erfahrt, ob sich der weite Weg gelohnt hat.

 Für Bildergalerie hier klicken!

 Freeriding Finale Ligure

Am 01.10.10 ging es für zwei Icemänner und zwei MTB-Kollegen ab nach Bella Italia. Ziel war Finale Ligure. Ein Singletrail-Paradies direkt am Meer gelegen. Von Bikemagazinen und Internetportalen bereits der „Gardasee 2.0“ genannt. Auf die Reise machten sich Bernd Weiß, Michael Höhn, Christopher Gaul und Herbert Gutschka. Unser 5. Mann und eigentlicher Organisator des Trips, Martin Aicham, war leider aufgrund eines unglücklichen Sturzes im Bikepark kurzfristig ausgefallen.

Der erste Freitag – Abreise nach Ulm

Bernd und Micha machen sich auf den Weg nach Ulm. Zuhause bei Martin wartet bereits Hebbe auf uns. Nach kurzem Briefing, ein paar Bieren und den ersten Tourenplanungen genossen wir eine kurze Nachtruhe.

Der erste Samstag – Abreise nach Finale

In aller Früh machten wir uns auf den Weg nach Genua um Christopher am dortigen Flughafen abzuholen. Über Österreich und die Schweiz, wo die ersten Gipfel der Alpen bereits mit einer Schneehaube überzogen waren, ging es also los nach Italien. Bis kurz vor dem Ziel zeigte sich das Wetter nicht gerade von seiner besten Seite. Wind, Nieselregen und 10° Außentemperatur ließen die Hoffnungen auf Finale immer größer werden. Die Erwartungen waren groß!

Nach unzähligen Mautstellen in Genua angekommen und um die Erfahrung reicher, dass so manche italienische Autobahn in Deutschland wohl eher als Serpentinenstraße durchgeht, begrüßten wir Christopher und legten mit ihm gemeinsam die letzten paar Kilometer nach Finale zurück. Dort angekommen wurde allen klar dass es wohl eine geniale Woche werden würde. Super Unterkunft, eine wahnsinnige Panoramaaussicht vor der Tür und geniales Wetter.

Nach einem kurzen Nickerchen am Pool und einer kleinen Erkundungstour im Stadtkern machten wir uns am späteren Nachmittag auf die erste Runde. Ziel, zum lockeren Einrollen, war die 24-Stunden-Strecke. Das 24-Stunden-Rennen von Finale Ligure gilt als das härteste und trail-lastigste Rennen seiner Art in ganz Europa. Aufgrund von ein paar Startschwierigkeiten mit den GPS-Geräten fanden wir zwar nicht den 24-Stunden-Kurs, aber ein paar andere schöne Trails und Kletterpassagen in der Gegend Le Manie.

Bereits nach dem ersten Tag zeigten die Trails auf der Meeresseite, dass sie volle Konzentration und eine gute Linienwahl erfordern um ohne Defekte und Sturz ans Ziel zu kommen. Felsstufen, loses Geröll und scharfkantige Steinfelder unterbrochen von kleinen Sprüngen und Drops waren angesagt. Spaß pur!

Sonntag – Superenduro

Frühstück mit Meerblick! Was für ein Tagesbeginn!

Wir starten heute zur Superenduro-Tour. Die Superenduro ist eine europäische Rennserie, welche den Reiz hat, dass in verschiedenen Runs jeweils die Zeit bergab über die Platzierung bestimmt, jedoch der Startpunkt dieser Abfahrten per Muskelkraft, innerhalb einer definierten Zeitperiode, mit dem Bike erklommen werden muss. Diese Serie findet jedes Jahr ihren Saisonabschluss in Finale Ligure. Die Streckenführung wird jährlich geändert. Wir nehmen eine gegen Ende etwas abgewandelte Form der Strecke aus 2009 unter die Stollen.

In der Parallelstraße über unserer Ferienwohnung startet schon der erste Trail. Der schmale Fußweg führt uns über enge Kurven und Stufen ca. 100 hm bergab nach Finale Ligure. Von hier geht es ganz entspannt auf Asphalt durch die Stadt und Wohnsiedlungen hoch nach San Bernando, wo der eigentliche Trail beginnt. Protektoren anlegen und ab geht’s! Der erste Trail der Tour führt uns über längere Distanz bis zur Mittagspause nach Orco. Der Weg ist wellig, staubig und schnell. Die langgezogenen Kurven werden immer wieder von großen Felsplatten unterbrochen und bieten einem mit ihren steilen Felsstufen ständig die perfekte Gelegenheit zum Springen, können aber auch gefahren werden.

Nach der Mittagspause geht es auf einem typischen Highspeed-Trail mit viel Flow von einem Anlieger in den Nächsten. Gegen Ende des Trails wird dieser immer technischer und steiler bis wir in dem Dorf Borgani wieder auf die Straße treffen. Dauergrinsen macht sich breit! Über Serpentinenstraßen und viele kleine Orte geht es wieder hoch zu einem Berggipfel westlich von Ganduglia. Im oberen Teil wird der Uphill immer steiler und führt über lose Schotterpfade bis zum Gipfel, wo uns ein super Ausblick auf die Bucht von Spotorno überrascht. Alle sind am staunen. Die folgende Abfahrt Richtung Voze ist sehr ausgeschwaschen, verblockt und mit tiefen Wasserrinnen versehen. Hier ist man froh um jeden Zentimeter Federweg. Über den letzten Anstieg des Tages geht es auf die Manie. Hier surfen wir auf der technisch weniger anspruchsvollen aber sehr spaßigen 24-Stunden-Strecke Richtung Ferienwohnung.

Die Stimmung – euphorisch.

Montag – Noli & Varigotti Downhill

Wie soll ein Montag auch anders sein? Regen, Regen und nochmal Regen. Wir nutzen den Vormittag um den Supermarkt zu plündern und ein paar Bikeshops abzuklappern, welche alle geschlossen haben, da gerade Marzocchi Testday auf der Manie ist. Also ab in die Wohnung und Mountainbikefilme schauen.

Gegen Mittag reisen endlich die Wolken auf und es hört auf zu regnen. Ab aufs Rad und hoch zur Manie, von wo wir die heutige Tour starten. Wir grüßen die Jungs beim Marzocchi Testday und radeln durch den Schlamm über die ersten Trails auf der Meeresseite. Die Reifen setzten sich zu, Grip ist nicht mehr vorhanden, aber alles ist spitze! Jeder ist begeistert und nur noch am strahlen.

Schon am Einstieg des Noli Downhill ist dann aber auch der Schlamm verschwunden. Hier gibt es nur noch Felsen und Wurzeln. Der Trail wird immer enger und steiler. Felsstufen und enge Kurven kommen hinzu. Rechts und links geht es stellenweise tief den Hang hinab. Hier sollte man wissen was man tut. Hinterradversetzen und standfeste Bremsen sind Pflicht. Je tiefer man sich im Trail befindet, desto technischer wird dieser. Etwas geschafft, aber völlig begeistert, kommen wir direkt in Noli wieder auf die Straße und radeln erneut hoch auf die Manie um den nächsten Downhill in Angriff zu nehmen. Durch die vielen Steilkurven der 24-Stundenstrecke geht es mit einer Menge Flow Richtung Varigotti Downhill. Hierbei handelt es sich um eine richtige Downhillstrecke. Offenes Gelände, relativ breit, künstlich angelegte Sprünge und Drops. Der lose Schotter und die Gesteinsbrocken bieten relativ wenig Halt und extrem wenig Bremstraktion. Das stellenweise extreme Gefälle tut den Rest. Geil!

Glücklich über den tollen Regentag radeln wir am Meer entlang zurück zur Wohnung.

Dienstag – Shutteltag 1

Treffpunkt 9.30 Uhr bei Finale Freeride hat es geheißen. Pünktlich wie wir Deutschen sind standen wir auch um 9.15 Uhr da – mutterseelenallein! Der Platz füllte sich ganz langsam und die ersten Shuttles wurden beladen, bis es schließlich um 10.30 Uhr losging.

Wir waren mit unseren 160 mm am kurzen Ende des Federwegs.  Der Rest der Gruppe war mit 200mm und mehr am Start. Die Stimmung im Shuttlebus war aufregend. Unser Fahrer Pablo brachte uns zum ersten Trail des Tages, wo wir eine kurze Einweisung von unserem Guide Jamie erhielten. Zwei super Typen übrigens! Protektoren angelegt, Sattel runter und los ging es. Um nicht alle Trails stundenlang zu beschreiben, eine kurze Zusammenfassung:

  • „Toboga“ (kurvig, eng, stufig, stellenweise sehr schnell)
  • „Delirium Rollercoaster“ (gleich einem riesigem Pumptrack, Wallrides, flowig und steil)
  • „Issalo Extasy DH“ ( -1000 hm am Stück, flowig, stellenweise steil, gegen Ende immer mehr Sprungmöglichkeiten) 

Völlig platt wurden wir zu Mittag mit reichlich leckerem italienischen Essen wieder aufgepäppelt, bevor es hoch zu Nato-Base ging. Die Stimmung bei der Auffahrt war bizar. Alle waren heiß auf die Trails, Jamies elektronische Musik tönte laut durch den Bus und der dicke Nebel begrenzte Sichtweite auf etwa 10 Meter. „It’s gonna be rocky, rooty and slippery. Rock ‘n Roll!“, gab uns Jamie mit auf den Weg. Los ging es!

  • Nato Base Trail bis Autobahnbrücke Orco Fegli
  •  Teil 1 flowig, schnell, viele kleine Drops, Anlieger und Wurzelfelder
     Teil 2 technisch, steil, felsig, ausgewaschen, eng

     

  • Parkplatz Via San Rocco bis Finale Freeride
    Teil 1 felsig, ausgewaschen, stufig, schnell
    Teil 2 relativ flach,lose Felsbrocken, weinig kurvig, alte Pflasterwege, durch alte Dörfer

 WOW! Was für ein Tag! 4000 negative Höhenmeter. Alles tut weh. Muskelschmerzen in Händen, Armen, Brust und Beinen aber total glücklich.

Mittwoch – ein halber Shuttletag

Bernd musste gezwungenermaßen, dank einer gebrochenen Speiche im Systemlaufradsatz, einen Ruhetag einlegen. Er opferte sich aber den Rest mit dem Auto hoch zur Nato Base zu shutteln. Der Heli Trail war angesagt.

Eigentlich wollten wir es locker angehen. Eigentlich! Der Einstieg führte sofort steil am Hang entlang und über mehrere Stufen und Drops immer wieder in Steilstücke hinein. Versehen mit Anliegern und stellenweise langgezogenen Steinfeldern eine sehr spaßig Mischung. Ab der Via San Rocco folgten wir dem letzten Trail des Vortages bis an den Strand von Finale Ligure. Dort belohnten wir uns mit einem großen Gelato. Hebbe und Christopher machten sich anschließend noch auf den Weg zum Caprazotta, welcher die beiden mit einer sehr technischen und felsigen Abfahrt wieder hinunter nach Finale führte.

Donnerstag – Shuttletag 2

Die italienische Mentalität im Hinterkopf machten wir uns heute ein gutes Stück später auf den Weg zu Finale Freeride und waren immer noch rechtzeitig da.

Wieder ging es mit Pablo und Jamie auf in die Berge. Alles begann wie gewohnt

  • "Toboga"
    Teil 1 bereits vom ersten Sheuttletag bekannt
    Teil 2 felsig, loser Schotter, sehr steil, eng

Zu Mittag gab es wieder lecker Essen. Diesmal allerdings in Calice Ligure. Bei einem kleinen Plausch mit Pablo, unserem Fahrer, verriet dieser dass er bereits die 24-Stunden von Finale Ligure als Einzelstarter gewonnen hat und in 3 Tagen an einem Lauf-Wettbewerb durch das Gebirge über 84 Km und 5000 hm teilnimmt. Respekt!  Nachmittags ging es wieder hoch zur Nato Base

  • heili-Trail bis nach Feglino
    Teil 1 bereits vom Vortag bekannt
    Teil 2 loses Geröll, Felsstufen, steil, enge Kurven
  •  
  •  Parkpatz Via San Rocco bis Finale Freeride (bereits vom Vortag bekannt)

Obwohl sich die schwindenden Kräfte durch einige recht ordentliche Stürze bemerkbar machten, war es wieder ein genialer Shuttletag mit einem super Team.

Der zweite Freitag – letzter Tourentag

Am letzten Tag stand eine Finaleenduro Runde an. Über den Haustrail ging es wieder runter nach Finale und anschließend hoch nach San Bernando. Dort zweigte der Weg von der Tour am vergangenen Sonntag ab. Konstant abfallend, über Felsplatten ging es relativ lange hinunter nach Costa. Vor der Mittagspause stand noch der relativ lange Uphill über die Via Porto an, nach welchem es über alte Römerstraßen, vorbei an verfallenen Bogenbrücken wieder hinab ging. Ein typischer Flowtrail über kleinere Felsstufen und verblockten Passagen, auf denen man sich bei ausreichender Geschwindigkeit wie auf einem Waschbrett fühlt. Ein riesen Spaß. Unten angekommen ging es über den ersten Trail des ersten Tages wieder hoch auf die Manie, wo bereits eine leckere Portion Pasta auf uns wartete. Nach einem kurzen Plausch mit ein paar Schweizern machten wir uns gestärkt wieder auf Richtung Varigotti. Panorama-Trails standen auf dem Programm. Mit viel Geschwindigkeit und Flow ging es einen Trail parallel zur Downhillstrecke hinunter. Umso länger wir uns im Trail befanden, umso technischer und steiler wurde dieser wieder. Mit dem bereits gewohnten Dauergrinsen spuckte uns dieser dann in Varigotti, direkt am Strand, aus.

Nach den üblichen euphorischen Unterhaltungen über den klasse Trail radelten wir die Küstenstraße entlang zurück  und besiegelten den Klasse Urlaub mit einigen Bierchen.

Der zweite Samstag – Abreisetag

Das wars – leider! Kofferpacken, Aufräumen und die letzten Stunden genießen steht auf dem Tagesplan. Vor der Abfahrt noch etwas für die Daheimgebliebenen in Finale gekauft und Sonne getankt. Dann ging es wieder ab nach Genua, um Christopher am Flughafen abzuliefern. Apropos Genua – eine verrückte Stadt. Mal schnell zur Mittagszeit in die Stadt zu fahren, um vor der Heimreise noch eine gemeinsame Pizza zu essen hat sich als nicht besonders brillante Idee herausgestellt. Totales Chaos beschreibt das Flair der Stadt ganz gut.

Also ging es doch nur zum Abflugterminal um Christopher zu verabschieden, bevor wir uns auf den Heimweg machten. Nähe Ulm verlies dann Hebbe die Mannschaft. Für Micha und Bernd ging es direkt weiter nach BT zu Martin. Die tollen Fotos und Erfahrungen wollten bei einem kleinen Plausch ausgetauscht werden.

Fazit: Finale Ligure – gerne wieder! Leckeres Essen, nette Leute & super Trails.

Dank des weitläufigen Gebietes begegnet man sich, trotz der relativ vielen Biker in der Stadt, auf den Trails nur selten. Die Gegend ist nicht überlaufen und die Strecken allesamt top gepflegt. Von uns hätte wohl keiner Gedacht, dass dieser Urlaub so gut wird. Wir waren zwar auf Tourenfahren eingestellt und sind im Endeffekt Freeriden gewesen, aber es war genial. Man hat die Grenzen bergab wieder etwas erweitert und vieles an Fahrtechnik hinzugewonnen. So Mancher hat vielleicht sogar Blut geleckt und wird in Zukunft mehr im Freeride- und Downhill-Bereich unterwegs sein.

Bester Dank geht natürlich an Martin Aicham, der für uns vier wirklich eine super Reise organisiert hat!